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Hinten links im Hirn

 

Manche Sätze bleiben einfach hängen. Ein Leben lang. Sie machen es sich in einer der der hinteren Hirnwindungen bequem, in einer von denen, an die man nicht so leicht rankommt, Sie wissen schon – hinten links, die zweite rechts, geradeaus über große Neuronenkreuzung, vorbei an Synapse Nr. 389.743 und dann die dritte schräg links rein. Oder so. Und dort lassen sie es sich dann gut gehen, diese kleine Sätze, sie baumeln mit den Beinen, stopfen sich mit Kuchen voll, und warten gezielt immer diesen einen Moment ab, den Resthirn und Restmensch geschlossen als absolut untauglich für diesen Zweck definieren, um auf sich aufmerksam zu machen. Mitten im schönsten Traum zum Beispiel. Oder im Vorstellungsgespräch. Dann fühlt es sich an, als würde einem jemand mit tausend Fahnen wedelnd einmal quer durch den Kopf brüllen. Mit einem Mal bin ich wieder 12 und höre meinen Sportlehrer vom Seitenrand rufen: “Gebt der Astrid doch auch mal den Ball!” Auch rückblickend einer der Tiefpunkte meiner Schulsportkarriere (nun ja, Karriere … eher Misere, wenn wir ehrlich sind, aber das klingt ja ganz ähnlich). Wenig hilfreich, wenn man gerade einem potenziellen neuen Arbeitgeber gegenübersitzt, dem man etwas über seine Stärken erzählen soll. “Sport schon mal nicht.”

In dem Geheimfach hinten im Hirn verstecken sich aber auch ein paar lustige Zeitgenossen. Heute morgen beim Frühstück poppte einer von ihnen fast gleichzeitig mit dem Toast hoch. Da sah ich mich wieder im Berliner Späti* stehen: Es ist Sonntagnachmittag, im Rest der Republik sitzt man bei Kaffee und Kuchen, während ich nach den richtigen Nudeln fürs Abendessen suche und ein Mann den Laden betritt, bei dessen Anblick man jetzt nicht direkt an die Worte wach und frisch denken muss. Eher eine Art Out-of-bed-Look, nur ohne Styling-Absicht. Folgerichtig begrüßt der asiatische Verkäufer den offensichtlichen Stammgast mit einem fröhlichen “Hi, wie geht’s? Ah, bist du grad erst aufgestanden?” Verwirrter Blick, der den Asiaten fixiert, und dann ein todernstes: “Nee, wieso?” Der Rest ist ein unverständliches schamhaftes Murmeln, unterbrochen nur von meinen kläglichen Versuchen, das Lachen zu unterdrücken. Großartig. Manchmal ist es doch auch schön, wenn sich die anderen blamieren. Zumindest, wenn es mich noch Jahre später beim Frühstück zum Lachen bringt.
Schön finde ich auch, wenn mein Hirn mich für ein paar Minuten wieder in die Deutschstunde im Gymnasium katapultiert, in der ein paar Klassenkameraden mit dem Reclam-Heftchen in der Hand vor der Klasse Goethes Götz von Berlichingen vortragen sollten. Ich sehe allerdings nur denjenigen vor mir, der den Götz geben sollte, und der voller Inbrunst ansetzt, um selbstbewusst und laut auszurufen: “Ich bin Bötz von Gerlichingen …” – weiter kam er nicht mehr. Dafür hatte er ab da einen neuen Spitznamen. Ach ja, der Bötz … Fast so schön, wie der SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose, der in den Neunzigern in einer Rede im Bundestag aufgebracht brüllte: “Wir pfeifen nicht nach Ihrer Tanze!” Er hatte sich sicher einen anderen Effekt von seinen Worten versprochen, dafür bleiben sie unvergessen.

Und da sind noch so so viele andere kleine Sätze, die sich im Laufe des Lebens auf der Hängematte des Hirns einfinden. Die haben hier unmöglich alle Platz. Nur einen noch. Keinen lustigen, keinen peinlichen. Einen schönen. Wir schreiben das Jahr 2001 und ich sitze in der Pariser Metro. Es ist Vormittag, gegen 11, und hinter mir sitzt ein Pärchen, das ziemlich offensichtlich nicht zu den Privilegierten der Gesellschaft gehört und sich mit vom Alkohol schweren Zungen miteinander unterhält. Sie ist unglücklich und fragt sich klagend, wo denn der Sinn an ihrem Leben sei. Er tröstet sie und sagt mehrmals nacheinander einen Satz, der mich in diesem Augenblick bezaubert, weil so viel Liebe, Erkenntnis und Alltagsweisheit darin liegt: “Il faut de tout pour faire un monde.” Eine französische Redewendung, die in ihrer Schönheit eigentlich unübersetzbar ist. Versucht man es trotzdem, kommt etwas heraus wie: “Für eine vollkommene Welt braucht es etwas von allem.” Und das meint, wie eine Quelle aus dem Internet** anschaulich ausführt: “Es braucht die Grossen und die Kleinen, die Intellektuellen und die Praktiker, Männer und Frauen, Stadt und Land, das Meer und die Berge, usw.“. Die Reichen und die Armen. Die ganze Vielfalt eben. Ein schöner Gedanke, finde ich. Der darf es sich gerne bequem machen, hinten links in meinem Hirn.

 

*Späti = Berliner Kiosk, das eigentlich immer offen hatte und praktisch alles verkaufte, was man zum Leben brauchte und dadurch vor allem nachts und Sonntags die Grundversorgung aller feierwütigen und einkaufsfaulen Partypeople deckte. Ob’s die noch gibt? Keine Ahnung.

**https://biodiversitevs.files.wordpress.com/2010/02/04_april_de.pdf

 

 

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Mehr davon? Besuchen Sie mich auch unter https://astridkunz.wordpress.com, dort warten weitere fröhliche Artikel rund um die Themen Sprache, Kultur und Kommunikation auf Sie.

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